Welche Erkenntnisse kann eine Kohorte liefern?

In einer Kohorte mit den Daten von rund 10.000 Menschen mit HIV und AIDS, wie sie im Kompetenznetz HIV/AIDS entstehen soll, finden sich für fas jeden möglichen Verlauf der Infektion Beispiele: Menschen, die jahrelang ohne Therapie bleiben, weil ihr Immunsystem selber mit dem Virus fertig wird. Menschen, deren Immunsystem sehr schnell vor dem Virus kapituliert. Menschen, die jahrelang mit einer Therapie leben und gut leben. Menschen, die schon bald die Therapie wechseln müssen, weil die Therapie versagt oder weil die Nebenwirkungen ihnen das Leben unerträglich machen. Den Möglichkeiten sind dabei keine Grenzen gesetzt, da sehr viele unterschiedliche Faktoren den Verlauf der Infektion und die Reaktion auf eine bestimmte Therapie beeinflussen. Vor allem die Eigenschaften des Immunsystems, das von Mensch zu Mensch verschieden ist. Doch auch das Virus kann mehr oder weniger gefährlich sein oder auf eine bestimmte Therapie besonders gut ansprechen - was natürlich heißt, dass eine bestimmte Therapie das Virus gut bekämpfen kann.

Aus all diesen Einzelfällen Regeln abzuleiten, hilft der Medizin, für jeden die richtige Therapie zu finden. Und darum hilft ein genauer Blick, unter welchen Bedingungen die Infektion einen bestimmten Verlauf nimmt: Zum Beispiel die Frage, die HIV-Forscher seit Jahren umtreibt: Warum werden einige wenige Patienten mit ihrem Virus so gut fertig, ohne Medikamente zu schlucken? Genau bei solchen Fragen helfen Kohorten: Denn sie können Hinweise geben, dass die eine Eigenschaft des Immunsystems günstiger ist als eine andere.

Auch Wissenschaftler im Kompetenznetz spüren den Hinweisen auf dasjenige Immunsystem nach, das dem Virus von Natur aus am besten gewachsen ist: Sie charakterisieren das Immunsystem jedes Teilnehmers, so dass sich vielleicht nachher sagen lässt: Wenn das Immunsystem diese oder jene Eigenschaften hat, ist es dem Virus gewachsen. Oder bei anderen Eigenschaften wirkt ein bestimmtes Medikament besonders gut, wenn das Virus bestimmte Eigenschaften hat.

Hier vielleicht noch einige Beispiel für Erkenntnisse, die andere Kohortenstudien gebracht haben:

An den Patientendaten einer Schweizer Kohorte ist unter anderem folgende Frage untersucht worden: "Sind Therapiepausen bei Menschen, die länger als sechs Monate HIV-infiziert sind, nützlich oder schädlich - bzw. unter welchem Gesichtpunkt sind Therapiepausen nützlich oder nicht?" Eine für alle Beteiligten wichtige Frage! Besonders interessierte die Forscher, ob das Immunsystem dieser Menschen mit HIV während der Therapiepause lernt, ohne Medikamente mit der Infektion fertig zu werden. Leider war das nicht der Fall, wie die Ergebnisse der Kohorte zeigen konnten. Bei Menschen, die weniger als sechs Monate HIV-infiziert sind, verhält sich das allerdings anders.

In derselben Kohorte untersuchten Wissenschaftler das Risiko, eine Form der Lungenentzündung zu entwickeln, die als AIDS-definierende Erkrankung gilt (PcP). Diese Lungenentzündung tritt vermehrt auf, wenn die Zahl der CD4-Helferzellen unter rund 200 pro Mikroliter absinkt. Mit einer vorsorglichen Behandlung, bei der ein Patient verschiedene Arzneien inhalieren muss, verringert sich das Risiko allerdings drastisch. Die Wissenschaftler wollten nun wissen, ob man die vorsorgliche Behandlung abbrechen kann, wenn die Zahl der CD4-Helferzellen wieder über 200 pro Mikroliter angestiegen ist. Die Erholung des Immunsystems musste dabei auf eine erfolgreiche antiretrovirale Therapie zurückzuführen sein. An 396 Patienten stellten die Schweizer Wissenschaftler Folgendes fest: Das Risiko steigt nicht mehr an, wenn die antiretrovirale Therapie anschlägt und obwohl sie die vorsorgliche Behandlung unterbrechen. Seither brauchen viele HIV-Infizierte ihren Körper nicht mehr mit den vorsorglich inhalierten Medikamenten zu belasten.

In einer französischen Kohorte mit rund 64.000 Patienten haben Wissenschaftler untersucht, woran Menschen mit HIV im Zeitalter von HAART sterben. Dabei verglichen sie die Todesursachen von erfolgreich therapierten und nicht erfolgreich therapierten HIV-Positiven. Überraschend war dabei vor allem ein Ergebnis: Bei den Todesursachen von Menschen unter erfolgreicher Therapie war der Anteil der Selbstmorde doppelt so hoch wie bei den Menschen, die nicht erfolgreich therapiert wurden. Das heißt nicht, dass Positive mit erfolgreicher Therapie doppelt so oft Selbstmord begehen wie erfolglos therapierte. Darüber gibt die Studie keine genaue Auskunft. Vor allem wird das Ergebnis von der Tatsache verfremdet, dass es unter den erfolglos Therapierten sehr viel Menschen an AIDS starben. Selbst wenn dann genauso viele von ihnen Selbstmord begehen, wäre der Anteil der Selbstmorde bei den Todesursachen sehr viel geringer. Aber das Ergebnis überrascht trotzdem. Und provoziert vor allem weitere Fragen: Worin liegt der Grund für das Ergebnis? Deprimiert die Aussicht auf ein langes Leben mit einer chronischen Krankheit Menschen mit HIV so sehr, dass sie jegliche Perspektive für Ihr Leben verlieren? Spielen Nebenwirkungen von Medikamenten eine Rolle? Oder steckt dahinter ein Zufall oder gar ein Problem der Statistik? Gestellt haben die Wissenschaftler diese Fragen erst, nachdem sie die Kohorte analysiert haben. Um diese Fragen jedoch beantworten zu können, müssen sie so genannte klinische Studien durchführen. Erst mit deren Hilfe können sie sagen, wie ein bestimmter Verlauf der Infektion oder der Therapie sich auf die Psyche eines Menschen mit HIV oder AIDS auswirkt.

Genauso ist es, wenn die Kohortenstudie offenbart, dass eine bestimmte Erkrankung oft auftritt, wenn die Therapie ein bestimmtes Präparat enthält. Dass das eine mit dem anderen zusammenhängt, lässt sich definitiv erst sagen, wenn man zwei Patientengruppen vergleicht: Die eine erhält eine Kombination aus A+B+XY, die andere eine aus A+B+Z. Dabei ist XY die Substanz, die die Ärzte verdächtigen, eine bestimmte Nebenwirkung hervorzurufen. Abgesehen davon müssen sich die Patientengruppen weitgehend gleichen. Das gilt vor allem für die anderen Medikamente A und B, die die Teilnehmer der Studie in Kombination mit der Arznei nehmen, deren Nebenwirkungen die Wissenschaftler untersuchen möchten. Das gilt aber auch für ihre Vorgeschichte und andere Faktoren, die die Erkrankung eventuell hervorrufen könnten - sollte etwa untersucht werden, ob ein Medikament Depressionen auslöst, muss die Zahl der Studienteilnehmer, die an einer erblichen Depression leiden, in beiden Gruppen gleich groß sein. Erst wenn dann die Erkrankung in der Gruppe, die das fragliche Präparat nimmt, häufiger auftritt als in der, die ein anderes Medikament schluckt, können die Mediziner sagen: Ja, das Medikament XY hat diese spezielle Nebenwirkung.

internal link new windowzurück

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Weitere Informationen