Die Pressemitteilung kann am Ende der Seite oder im Downloadbereich als pdf-Datei heruntergeladen werden.

 

Community Board


Pressemitteilung anlässlich des Deutsch-Österreichischen AIDS-Kongress 2003

 

Prävention

HIV bekommt man nicht, HIV holt man sich!

 

Nur derjenige, der HIV-infiziert ist, kann die HIV-Infektion weitergeben. Daraus wird seit jeher eine besondere Verantwortung, nein, die Hauptverantwortung für die körperliche Integrität des Anderen abgeleitet, ohne zu berücksichtigen, dass jeder für seine eigene körperliche Integrität selbst verantwortlich ist. Unser Rechtssystem basiert darauf, dass der Schwächere vor dem Stärkeren zu schützen ist. Mit dem Argument des überlegenden Wissens wird aber der Mensch mit HIV/AIDS automatisch zu dem Stärkeren gemacht. Dies ist unlogisch und ethisch kaum zu vertreten. Der HIV-negative wird aus seiner Verantwortung entlassen. Gleichzeitig würde dies bedeuten, dass jeder Mensch seinen Serostatus kennen muss. In letzter Konsequenz führt dies zu Zwangstests und Massenscreening oder, wie in den Achtziger Jahren gefordert wurde, zu der Tätowierung aller HIV-Positiven an einer sozial nicht einsehbaren Stelle.

Der Einzelne kann nur seine Verantwortung übernehmen, wenn er Entscheidungsfreiheit hat, aber auch wenn er zu Entscheidungen befähigt wird. Die Entscheidungsfreiheit und Entscheidungsfähigkeit hängt auch von den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ab. Verhalten und Verhältnisse bedingen sich gegenseitig.

Aus diesem Grund haben wir seit jeher die Ziele der Prävention wie folgt definiert:

  • Aufklärung und Information, damit eine individuelle Strategie zur Risikovermeidung bzw. Risikominderung entwickelt werden kann,
  • Stützung der Selbstakzeptanz und Stärkung des Selbsbewusstseins,
  • Befähigung zur Eigenverantwortung,
  • Förderung gesellschaftlicher Akzeptanz verschiedener Lebensstile,
  • Abbau und Verhinderung von Diskriminierungen,
  • Schutz, Förderung und Bereitstellung sexueller Lebensräume.

Die Präventionsarbeit war erfolgreich. Die Zahl der Neuinfektionen nahm anfangs rapide ab und hat sich auf einem (im Weltweiten Vergleich) niedrigen Niveau stabil eingependelt.

Es fällt anscheinend schwer, zu akzeptieren, dass sich weiterhin Menschen infizieren. Dies mag eine Erklärung dafür sein, dass immer wieder die „besondere Verantwortung“ der Menschen mit HIV/AIDS betont wird, zum Teil auch agressiv.

Die Präventionsarbeit in den achtzigern Jahren war verhältnismäßig leicht. Angst war der dominierende Faktor. Die einfache Präventionsbotschaften wurden dankbar angenommen. Angst führte nicht nur dazu, dass riskante Sexualpraktiken vermieden und die Zahl der Sexualpartner deutlich reduziert wurden, sie führte häufig auch zur Verzicht. Prävention beinhaltete daher nicht nur das Kondom zu propagieren, sondern auch Sexualität zu ermöglichen und sogar Mut zur sexuellen Betätigung zu machen.

Heute erleben wir die sogenannte Normalisierung, besser die Banalisierung von AIDS. Die Behandlungsoptionen durch HAART führen dazu, dass AIDS als chronische Erkrankung wahr genommen wird. HIV/AIDS hat seine Bedrohung verloren.

Die Bagatelliesierung von AIDS wird durch öffentliche Äußerungen von HIV-behandelnden Ärzten, durch die Werbung der pharmazeutischen Industrie und durch die „Unsichtbarkeit“ von AIDS verstärkt.

Gleichzeitig ist es zu einem „Wiedererstärken des Triebes“ (Martin Dannecker) gekommen, was sich an der steigenden Zahl der sexuell übertragbaren Erkrankungen (STD) ablesen lässt. Daraus darf eine Zunahme der Risikobereitschaft nicht abgeleitet werden, da die Übertragungswege für STD und HIV unterschiedlich sind. STD´s können auch beim praktizierten Safer Sex übertragen werden.

Der Erfolg der Prävention, gemessen an die niedrige Zahl der Neuinfektionen, ist aber kein Grund, die Präventionsbemühungen herunter zu fahren. Es ist zu einer deutlichen Verschiebung gekommen. Der Anteil der Männer, die Sex mit Männern haben ist von über 80% zu Beginn der Epidemei auf ungefähr 50% in 2002 abgesunken. Auch bei den iv drogengebrauchende Menschen ist der Anteil von 20% auf 9% zurück gegangen. Dafür ist der Anteil der Menschen aus Hochprävalenzländern (die bereits mit einer HIV-Infektion eingereist sind, hier getestet wurden und so in die Statistik der Neuinfektionen einfließen) von wenigen Prozenten auf 23% in 2002 gestiegen. Problematisch ist auch die stetige Steigerung bei den Heterosexuellen, die bereits 18% der Neuinfektionen in 2002 ausmachen.

Die epidemiologische Situation zeigt, dass Prävention weiter notwendig ist, allerdings verändert bzw. angepasst werden muss.

Die Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Präventionsarbeit ist die Glaubwürdigkeit der Botschaften und die Ehrlichkeit. Nur HIV/AIDS zum Inhalt der Prävention zu machen, stößt immer stärker auf Ablehnung, gerade in den Hauptbetroffenengruppen. Sie nehmen eine andere Lebensrealität wahr, als es manchmal versucht wird zu vermitteln. HIV/AIDS muss eingebettet werden in einer umfassenderen Gesundheitsförderung, die sich nicht nur auf Krankheit oder Infektionsrisiken beschränkt, sondern psychische und soziale Faktoren berücksichtigt. Dazu gehören z.B. die Themenbereiche:

  • Lebensperspektive: für junge Menschen ist es schwer, sich ein Leben mit 40 oder 50 vorzustellen. Es muss vermittelt werden, dass das Leben im Alter lebens- und liebenswert ist.
  • Sexualität: Bei den Jüngeren muss ihre Neugierde und Unsicherheit ernst genommen werden, ihre diesbezüglichen Fragen dürfen nicht mir der Drohung „Krankheit“ abgeblockt werden.
  • Risikoverhalten: das individuelle Risikomanagement darf nicht durch Verbote behindert, sondern muss durch klare Informationen und Risikoabschätzung unterstützt werden.
  • Alkohol und Drogen: die gesellschaftlichen „Normen“: jung, attraktiv, Gut drauf führen in bestimmten Szenen häufig zu einem erhöhtem Alkohol- und Drogenkonsum. Zweifelsfrei entsteht durch die enthemmende Wirkung eine höhere Risikobereitschaft. Nur: Werden durch Drogen höhere Risiken eingegangen, oder werden Drogen genommen, um das zu tun, was herbeigesehnt, aber bei klarem Verstand nicht umgesetzt wird?
  • Verantwortung: die Eigenverantwortung schließt die Überneahme von Mitverantwortung oder manchmal Fremverantwortung nicht aus.
  • Schuld: die Angst der Menschen mit HIV, jemanden anderen zu infizieren, seine Schuldgefühle auch bezüglic der eigenen Infektion dürfen nicht ausgeklammert werden.
  • Zielgruppen: Präventionsarbeit muss immer zielgruppenorientiert sein. Dies hat gerade für Menschen aus anderen Kulturkreisen einen hohen Stellenwert. Prävention kann nur gelingen, wenn die Angehörigen der Zielgruppen in die Arbeit einbezogen werden und mitbestimmen können (Empowerment, Peer Involvment)

Hier wird deutlich, welcher zentrale Stellenwert Personalkommunikation hat. Massenmediale Mittel können erinnern und Akzeptanz signalisieren und bleiben daher notwendig. Erfolgreiche Prävention setzt jedoch Personalkommunikation und die Schaffung von Kommunikatiosanlässe voraus.

Es ist fraglich, ob die dafür notwendige Mittel, bei der veränderter Wahrnehmung von HIV/AIDS zur Verfügung stehen werden.

Guido Vael

 

Dateien:
life+-Magazin - Dokumentation der PoBe 2010 Beliebt

Download



Erstelldatum
Dateigröße
Downloads
16.03.2012
3.48 MB
378

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Weitere Informationen